Brief aus dem Jenseits

Brief aus dem Jenseits

Unter den Papieren einer Tochter, die als Klosterfrau jung starb, fand ich folgende Niederschrift:

Ich hatte eine Freundin, Anni, (die) nach ihrer Verehelichung in ein Villenviertel von München zog . Während ich im Herbst 1937 am Gardasee meinen Urlaub verbrachte, schrieb mir meine Mutter: Denke dir, Anni N. ist gestorben. Bei einem Autounfall kam sie ums Leben.

Und mir träumte: Ich wollte in die Hauskapelle, als ich mit dem Fuß beim Öffnen der Zimmertür an einen Bund loser Breifblätter stieß. Sie aufheben, Annis Schrift erkennen, einen Schrei ausstoßen, war eins. Ihr Schreiben aus dem Jenseits setze ich Wort für Wort her, wie ich es im Traum gelesen. Es lautete also:

Klara! Bete nicht für mich. Ich bin verdammt. Wenn ich es dir mitteile , glaube nicht, es geschähe aus Freundschaft. Wir lieben hier niemanden mehr. Ich tue es gezwungen. Tue es als Teil von jener Macht, die stets das Böse will, und stets das Gute schafft . In Wahrheit möchte ich auch dich in diesem Zustand landen sehen, worin ich jetzt auf ewig Anker geworfen. Unser Wille ist im Bösen was ihr eben böse nennt versteinert. Selbst wenn wir etwas Gutes tun , wie ich jetzt, indem ich dir über die Hölle die Augen aufreiße, geschieht es nicht in guter Absicht.

Nach dem Plane der Eltern hätte ich eigentlich gar nicht sein sollen. Es passierte ihnen eben ein Unglück . Wäre ich nicht geworden! Könnte ich mich jetzt vernichten, diesen Qualen entrinnen! Keine Wollust käme der gleich, womit ich mein Dasein zerrisse wie ein Aschengewand, daß seine Fetzen in nichts zerflattern. Aber ich muß sein. Muß so sein, wie ich mich gemacht habe: mit verfehltem Daseinsziel.

Recht beten hat mich niemand gelehrt. Solche Wörter, wie Beten, Messe, Weihwasser, Kirche schreibe ich mit einem inneren Ekel ohnegleichen! Ich verabscheue das wie die Kirchenspringer, alle Menschen und alle Dinge überhaupt. Denn aus allem erwächst uns Qual. Jede, beim Hinscheiden empfangene Erkenntnis, jede Erinnerung an Erlebtes und Gewußtes ist uns wie eine Stichflamme. Und alle Erinnerungen drehen uns jene Seite zu, die an ihnen Gnade war die wir verschmähten. Wie das peinigt! Wir essen nicht, wir schlafen nicht, wir gehen nicht mit Füßen. Seelisch angekettet starren wir mit Heulen und Zähneknirschen auf unser verpfuschtes Leben. Hassend und gepeinigt. Hörst du! Wir trinken hier den Haß wie Wasser. Auch gegeneinander. Am meisten hassen wir Gott.

Verstehst du jetzt, warum die Hölle ewig währt? Weil unsere Hartnäckigkeit nie wegschmilzt!

Gott war gegen uns barmherzig dadurch, daß er auf Erden unseren schlechten Willen nicht so sich ausleben ließ, als wir dazu bereit gewesen wären. Das hätte unsere Schuld und Strafe vergrößert. Er ließ uns vorzeitig sterben wie mich; oder andere mildernde Umstände eintreffen.

Jetzt erweist er sich uns barmherzig, indem er uns nicht zwingt, ihm näherzutreten, als eben in diesem entfernten Höllenort, was die Qual verringert. Jeder Schritt Gott näher verursachte mir größere Pein als dir ein Schritt näher einem brennenden Scheiterhaufen.

Alle, die in der Hölle brennen, haben nicht gebetet oder nicht genug gebetet. Das Gebet ist der erste Schritt zu Gott. Es bleibt der entscheidende.

An den Einfluß des Teufels glaubte ich nie Nur viele Gebete anderer und meiner selbst, verbunden mit Opfer und Leiden, hätten mich ihm entreißen können. Und auch das nur allmählich. Gibt es wenig äußerlich Besessene, so wimmelt es von innerlich Besessenen.

Ich hasse auch den Teufel. Dennoch gefällt er mir, weil er euch zu verderben sucht; er und seine Helfershelfer, die mit ihm am Anfang der Zeit gefallenen Geister. Sie zählen nach Millionen. Sie schweifen auf der Erde umher, dicht, wie ein Mückenschwarm, und ihr ahnt es kaum. Wir, die verworfenen Menschen, haben euch nicht zu versuchen, das kommt den gefallenen Geistern zu. Es vermehrt zwar ihre Qual noch jedesmal, daß sie eine Menschenseele in die Hölle herunterreißen. Aber was tut der Haß nicht!

Aber so ist es, wie ich einmal als Kind in einer Predigt sagen hörte, daß Gott alles Gute, das ein Mensch vollbringt, belohnt. Wenn er es im Jenseits nicht vergelten kann, tut er es auf Erden.

Nicht alle Seelen leiden gleichermaßen. Je boshafter undgrundsätzlicher jemand gesündigt, umso schwerer wuchtet auf ihm Gottes Verlust, würgt ihn die mißbrauchte Kreatur.

Die verdammten Katholiken leiden mehr als Andersgläubige, weil sie meist mehr Licht und Gnade empfingen und zertraten. Wer mehr gewußt hat, leidet härter, als wer weniger erkannte. Wer aus Bosheit gesündigt, leidet schärfer, als wer aus Schwäche fiel. Aber keiner leidet mehr, als er es verdient hat.

(Nach dem Autounfall:) Ich erwachte im Augenblick meines Hinscheidens jäh aus dem Dunkel. Sah mich wie von grellem Licht umflutet. Er war am gleichen Ort, wo meine Leiche lag. Es geschah wie im Schauspielhaus, wenn mit einem Mal die Lampen im Saale verlöschen, der Vorhang auseinanderrauscht, schaurig beleuchtet, eine ungeahnte Szenerie sich auftut. Die Szenerie meines Lebens. Wie in einem Spiegel zeigte meine Seele sich mir selbst. Die zertretenen Gnaden von Jugend auf, bis zum letzten Nein Gott gegenüber. Mir war zumute wie einem Mörder, dem während der Gerichtsverhandlung sein entseeltes Opfer vorgeführt wird.

Bereuen? Nie!

Mich schämen? Nie!

Aber auch auszuhalten vermochte ich es nicht unter den Augen des von mir verworfenen Gottes. So blieb nur eines, die Flucht Wie Kain floh vor Abels Leiche, so riß es meine Seele vor diesem Anblick des Grauens hinweg.

Das war das besondere Gericht!

Ich selbst riß mich los von Gott.

Zurück? Niemals! Nein!

Brief aus dem Jenseits

Unter den Papieren einer Tochter, die als Klosterfrau jung starb, fand man folgende Niederschrift:

Ich hatte eine Freundin, Anni, (die) nach ihrer Verehelichung in ein Villenviertel von M nchen zog . W hrend ich im Herbst 1937 am Gardasee meinen Urlaub verbrachte, schrieb mir meine Mutter: Denke dir, Anni N. ist gestorben. Bei einem Autounfall kam sie ums Leben. …

Und mir tr umte: Ich wollte in die Hauskapelle, als ich mit dem Fu beim ffnen der Zimmert r an einen Bund loser Breifbl tter stie . Sie aufheben, Annis Schrift erkennen, einen Schrei aussto en, war eins. … Ihr Schreiben aus dem Jenseits setze ich Wort f r Wort her, wie ich es im Traum gelesen. Es lautete also:

„Klara! Bete nicht f r mich. Ich bin verdammt. Wenn ich es dir mitteile…, glaube nicht, es gesch he aus Freundschaft. Wie lieben hier niemanden mehr. Ich tue es gezwungen. Tue es als „Teil von jener Macht, die stets das B se will, und stets das Gute schafft“. In Wahrheit m chte ich auch dich in diesem Zustand landen sehen, worin ich jetzt auf ewig Anker geworfen. … Unser Wille ist im B sen – was ihr eben „b se“ nennt – versteinert. Selbst wenn wir etwas „Gutes tun“, wie ich jetzt, indem ich dir ber die H lle die Augen aufrei e, geschieht es nicht in guter Absicht.

Nach dem Plane der Eltern h tte ich eigentlich gar nicht sein sollen. Es „passierte ihnen eben ein Ungl ck“. … W re ich nicht geworden! K nnte ich mich jetzt vernichten, diesen Qualen entrinnen! Keine Wollust k me der gleich, womit ich mein Dasein zerrisse wie ein Aschengewand, da seine Fetzen in nichts zerflattern. Aber ich mu sein. Mu so sein, wie ich mich gemacht habe: mit verfehltem Daseinsziel. …

Recht beten hat mich niemand gelehrt. Solche W rter, wie Beten, Messe, Weihwasser, Kirche schreibe ich mit einem inneren Ekel ohnegleichen! Ich verabscheue das wie die Kirchenspringer, alle Menschen und alle Dinge berhaupt. Denn aus allem erw chst uns Qual. Jede, beim Hinscheiden empfangene Erkenntnis, jede Erinnerung an Erlebtes und Gewu tes ist uns wie eine Stichflamme. Und alle Erinnerungen drehen uns jene Seite zu, die an ihnen Gnade war – die wir verschm hten. Wie das peinigt! – Wir essen nicht, wir schlafen nicht, wir gehen nicht mit F en. Seelisch angekettet starren wir mit „Heulen und Z hneknirschen“ auf unser verpfuschtes Leben. Hassend und gepeinigt. H rst du! Wir trinken hier den Ha wie Wasser. Auch gegeneinander. Am meisten hassen wir Gott. …

Verstehst du jetzt, warum die H lle ewig w hrt? Weil unsere Hartn ckigkeit nie wegschmilzt!

Gott war gegen uns barmherzig dadurch, da er auf Erden unseren schlechten Willen nicht so sich ausleben lie , als wir dazu bereit gewesen w ren. Das h tte unsere Schuld und Strafe vergr ert. Er lie uns vorzeitig sterben – wie mich; oder andere mildernde Umst nde eintreffen.

Jetzt erweist er sich uns barmherzig, indem er uns nicht zwingt, ihm n herzutreten, als eben in diesem entfernten H llenort, was die Qual verringert. Jeder Schritt Gott n her verursachte mir gr ere Pein als dir ein Schritt n her einem brennenden Scheiterhaufen. …

Alle, die in der H lle brennen, haben nicht gebetet oder nicht genug gebetet. Das Gebet ist der erste Schritt zu Gott. Es bleibt der entscheidende. …

An den Einflu des Teufels glaubte ich nie… Nur viele Gebete anderer und meiner selbst, verbunden mit Opfer und Leiden, h tten mich ihm entrei en k nnen. Und auch das nur allm hlich. Gibt es wenig u erlich Besessene, so wimmelt es von innerlich Besessenen. …

Ich hasse auch den Teufel. Dennoch gef llt er mir, weil er euch zu verderben sucht; er und seine Helfershelfer, die mit ihm am Anfang der Zeit gefallenen Geister. Sie z hlen nach Millionen. Sie schweifen auf der Erde umher, dicht, wie ein M ckenschwarm, und ihr ahnt es kaum. Wir, die verworfenen Menschen, haben euch nicht zu versuchen, das kommt den gefallenen Geistern zu. Es vermehrt zwar ihre Qual noch jedesmal, da sie eine Menschenseele in die H lle herunterrei en. Aber was tut der Ha nicht! …

Aber so ist es, wie ich einmal als Kind in einer Predigt sagen h rte, da Gott alles Gute, das ein Mensch vollbringt, belohnt. Wenn er es im Jenseits nicht vergelten kann, tut er es auf Erden. …

Nicht alle Seelen leiden gleicherma en. Je boshafter undgrunds tzlicher jemand ges ndigt, umso schwerer wuchtet auf ihm Gottes Verlust, w rgt ihn die mi brauchte Kreatur.

Die verdammten Katholiken leiden mehr als Andersgl ubige, weil sie meist mehr Licht und Gnade empfingen und zertraten. Wer mehr gewu t hat, leidet h rter, als wer weniger erkannte. Wer aus Bosheit ges ndigt, leidet sch rfer, als wer aus Schw che fiel. Aber keiner leidet mehr, als er es verdient hat. …

(Nach dem Autounfall:) erwachte im Augenblick meines Hinscheidens j h aus dem Dunkel. Sah mich wie von grellem Licht umflutet. Er war am gleichen Ort, wo meine Leiche lag. Es geschah wie im Schauspielhaus, wenn mit einem Mal die Lampen im Saale verl schen, der Vorhang auseinanderrauscht, schaurig beleuchtet, eine ungeahnte Szenerie sich auftut. Die Szenerie meines Lebens. Wie in einem Spiegel zeigte meine Seele sich mir selbst. Die zertretenen Gnaden von Jugend auf, bis zum letzten „Nein“ Gott gegen ber. Mir war zumute wie einem M rder, dem w hrend der Gerichtsverhandlung sein entseeltes Opfer vorgef hrt wird.

Bereuen? – Nie!

Mich sch men? Nie!

Aber auch auszuhalten vermochte ich es nicht unter den Augen des von mir verworfenen Gottes. So blieb nur eines, die Flucht… Wie Kain floh vor Abels Leiche, so ri es meine Seele vor diesem Anblick des Grauens hinweg.

Das war das besondere Gericht!

Ich selbst ri mich los von Gott.

Zur ck? Niemals! Nein!“

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Ich hatte eine Freundin. Das hei t, wir standen uns nahe vom gleichen kaufm nnischen B ro hier in M nchen, wo wir nebeneinander arbeiteten. Als sich Anni sp ter verheiratete, habe ich sie nie mehr gesehen. Es herrschte ja im Grunde von jeher mehr Freundlichkeit als Freundschaft zwischen uns. So vermisste ich sie eigentlich wenig, als sie nach ihrer Verehelichung in ein Villenviertel von M nchen zog, das weit von meiner Behausung entfernt lag.

W hrend ich im Herbst 1937 am Gardasee meinen Urlaub verbrachte, schrieb mir meine Mutter gegen Ende der zweiten Septemberwoche: Denke dir, Anni N. ist gestorben. Bei einem Autounfall kam sie ums Leben. Gestern wurde sie im Waldfriedhof beerdigt . Diese Nachricht erschreckte mich. Ich wusste, dass Anni nie recht religi s gewesen. War sie, als Gott sie pl tzlich abrief, vorbereitet?

Am folgenden Morgen besuchte ich in der Hauskapelle der Schwesternpension, wo ich wohnte, die hl. Messe f r sie, betete innig f r ihre Seelenruhe und opferte auch die hl. Kommunion nach dieser Meinung auf. Aber den ganzen Tag versp rte ich ein gewisses Unbehagen, das sich gegen Abend noch steigerte

Ich schlief unruhig. Schlie lich erwachte ich wie von einem heftigen Pochen. Ich drehte das Licht an. Die Uhr auf dem Nachttischchen zeigte 10 Minuten nach Mitternacht. Doch nichts war zu sehen. Kein Laut ging im Hause. Nur die Wogen des Gardasees klatschten eint nig an die Ufermauern des Pensionsgartens. Vom Wind war nichts zu h ren. Und doch hatte ich beim Erwachen, au er dem Pochen, ein windf rmiges Ger usch zu vernehmen geglaubt, hnlich dem, wenn mir mein Chef im B ro belgelaunt einen l stigen Brief aufs Pult wirft.

Ich besann mich einen Augenblick, ob ich aufstehen sollte. Ach was, sagte ich mir entschieden: Das ist deine berhitzte Phantasie vom Todesfall her . Ich wandte mich um, betete einige Vaterunser f r die Armen Seelen und schlief wieder ein. Und mir tr umte:

Ich sei am Morgen gegen 6 Uhr aufgestanden und wollte in die Hauskapelle, als ich mit dem Fu beim ffnen der Zimmert r an einen Bund loser Briefbl tter stie . Sie aufheben, Annis Schrift erkennen, einen Schrei aussto en, war eins. Zitternd hielt ich die Bl tter in H nden. Ich begriff, dass ich in dieser Stimmung kein Vaterunser ber die Lippen br chte. Zudem berfiel mich ein erstickendes Gef hl.

So wusste ich nichts Besseres zu tun, als ins Freie zu fl chten. Ich ordnete etwas das Haar, steckte den Brief ins T schchen und verlie das Haus. Drau en klomm ich den Weg empor, der sich jenseits der Autostra e, der ber hmten Gardesana , zwischen lb umen, Villeng rten und Lorbeerstauden bergan windet.

Der Morgen stieg leuchtend herauf. Sonst sog ich hier alle hundert Schritte den herrlichen Ausblick ein, der sich von hier auf den See und die m rchensch ne Gardainsel bietet. Die sprichw rtliche Bl ue des Wassers labte mich immer wieder. Und wie ein Kind den Gro vater, so staunte ich sonst den grauen Monte Baldo an, der sich am anderen Ufer langsam emporhebt von den 64 Metern Seespiegelh he bis ber 2200.

Jetzt hatte ich f r all dies kein Auge. Mechanisch lie ich mich nach einer Viertelstunde Wegs auf eine Bank fallen, die an zwei Zypressen lehnte, wo ich noch am Vortage belustigt Federers Jungfer Therese gelesen. Zum erstenmal empfand ich nun die Zypressen als Totenb ume, als was sie mich im S den, wo sie h ufig vorkommen, vordem nie angemutet.

Ich griff nach dem Brief. Die Unterschrift fehlte. Aber es war unverkennbar Annis Schrift. Selbst der weit ausgreifende S -Schn rkel und das franz sisch geformte T fehlten nicht, das sie sich, um Herrn Gr. zu rgern, im B ro angeeignet hatte. Der Stil war nicht der ihre. Wenigstens sprach sie nicht wie gew hnlich. Denn sie verstand ungemein liebensw rdig zu plaudern und aus blauen Augen neben ihrem niedlichen Stumpfn schen zu lachen. Nur wenn wir ber religi se Fragen stritten, konnte sie giftig werden und dem harten Tonfall dieses Briefes verfallen. (Ich bin jetzt selbst in die aufgepeitschte Sprechweise ihres Briefes hineingekommen). Ihr Schreiben aus dem Jenseits setze ich Wort f r Wort her, wie ich es im Traum gelesen. Es lautete also:

Klara, bete nicht f r mich! Klara! Bete nicht f r mich. Ich bin verdammt! Wenn es dir mitteile und dir des l ngern dar ber berichte, glaube nicht, es geschehe aus Freundschaft. Wir lieben hier niemand mehr. Ich tue es wie gezwungen. Tue es als Teil von jener Macht, die stets das B se will, und stets das Gute schafft .

In Wahrheit m chte ich auch dich in diesem Zustand landen sehen, worin ich jetzt auf ewig Anker geworfen. Sei nicht verdutzt ber diese Absicht. Wir denken hier so. Unser Wille ist im B sen was ihr eben b se nennt versteinert. Selbst wenn wir etwas Gutes tun , wie ich jetzt, indem ich dir ber die H lle die Augen aufreisse, geschieht es nicht in guter Absicht.

Erinnerst du dich noch, vor vier Jahren lernten wir uns in M nchen kennen. Du z hltest 23 und warst ein halbes Jahr in dem B ro, als ich dort eintrat. Du halfst mir oft aus der Verlegenheit; gabst mir als Anf ngerin manch guten Wink. Aber was hei t gut ! Ich lobte damals deine N chstenliebe . L cherlich! Dein Helfen entsprang reiner Gro tuerei, wie ich brigens schon damals vermutete. Wir anerkennen hier nichts Gutes. An niemand.

Jugendliche Jahre Meine Jungendzeit kennst du. Einige unerz hlte L cken f lle ich hier aus. Nach dem Plane der Eltern h tte ich eigentlich gar nicht sein sollen. Es passierte ihnen eben ein Ungl ck . Meine beiden Schwestern z hlten bereits 14 und 15 Jahre, als dem Licht zustrebte. W re ich nicht geworden! K nnte ich mich jetzt vernichten, diesen Qualen entrinnen! Keine Wollust k me der gleich, womit ich mein Dasein zerrisse wie ein Aschengewand, dass seine Fetzen in nichts zerflattern. Aber ich muss sein. Muss so sein, wie ich mich gemacht habe: mit verfehltem Daseinsziel.

Als Vater und Mutter, noch ledig, vom Lande in die Stadt gezogen waren, hatten beide die F hlung mit der Kirche verloren. Es war auch besser so. Sie schlossen sich kirchlich ungebundenen Kreisen an. Bei einem Tanzvergn gen lernten sie sich kennen und mussten ein halbes Jahr sp ter heiraten.

Bei der Trauung ist an ihnen nur so viel Weihwasser h ngengeblieben, dass es die Mutter ein paarmal j hrlich zur Sonntagsmesse in die Kirche zog. Recht beten hat sie mich nie gelehrt. Sie ging auf in Sorgen des Alltags, trotzdem unsere Lage nicht dr ckend war.

Solche W rter wie Beten, Messe, Weihwasser, Kirche schreibe ich mit einem inneren Ekel ohnegleichen! Ich verabscheue das wie die Kirchenspringer, alle Mensch und Dinge berhaupt. Denn aus allem erw chst uns Qual. Jede beim Hinschied empfangene Erkenntnis, jede Erinnerung Erlebtes und Gewusstes ist uns eine Stichflamme. Und alle Erinnerungen drehen jene Seite uns zu, die an ihnen Gnade war. Die wir verschm hten. Wie das peinigt!
Wir essen nicht, wir schlafen nicht, wir gehen nicht mit F en. Seelisch angekettet, starren wir mit Heulen und Z hneknirschen auf unser verpfuschtes Leben. Hassend und gepeinigt. H rst du! Wir trinken hier den Hass wie Wasser. Auch gegeneinander.

Am meisten hassen wir Gott. Ich will es dir begreiflich machen. Die Seligen im Himmel m ssen ihn lieben. Denn sie schauen ihn schleierlos in seiner blendenden Sch nheit. Das beseligt sie unbeschreiblich. Wir wissen das und diese Erkenntnis macht uns rasend.

Die Menschen auf Erden, die Gott aus Sch pfung und Offenbarung erkennen, k nnen ihn lieben; gezwungen sind sie nicht. Der Gl ubige knirschend schreibe ich es nieder der sinnend Christus am Kreuze ausgespannt betrachtet, wird ihn lieben. Wem aber Gott nur nahetritt als der Strafende, R chende, Gerechte, einst von uns Verworfene, im Ungewitter, wie uns: der ha t ihn. Mit der vollen Wucht seines b sen Willens. Ewig. Kraft des freiwilligen Entschlusses, von Gott abgewandt zu sein, womit wir unsere Seele sterbend ausgehaucht. Und den wir auch jetzt nicht zur ckziehen und nie werden zur ckziehen wollen.

Verstehst du jetzt, warum die H lle ewig w hrt? Weil unsere Hartn ckigkeit nie wegschmilzt!

Gottes Barmherzigkeit den Verdammten gegen ber Gezwungen f ge ich bei, dass Gott selbst gegen uns auch barmherzig ist. Ich sage gezwungen . Denn schreibe ich diesen Brief auch gewollt, ist es mir doch nicht gestattet zu l gen, wie ich gerne m chte. Vieles bringe ich gegen meinen Willen zu Papier. Auch die Flut der Schm hungen, die ich ausspielen wollte, muss ich herunterw rgen.

Gott war gegen uns barmherzig dadurch, dass er auf Erden unsern schlechten Willen nicht so sich ausleben lie , als wir dazu bereit gewesen w ren. Das h tte unsere Schuld und Strafe vergr ert. Er lie uns vorzeitig sterben, wie mich, oder andere mildernde Umst nde eintreten. Jetzt erweist er sich gegen uns barmherzig, indem er uns nicht zwingt, ihm n her zu treten, als eben in diesem entfernten H llenort, was die Qual verringert.

Jeder Schritt Gott n her verursachte mir gr ere Pein als dir ein Schritt n her einem brennenden Scheiterhaufen. Du hast dich entsetzt, als ich dir auf einem Spaziergang einst erz hlte, mein Vater habe wenige Tage vor meiner Erstkommunion bemerkt: Sorg, Annerl, dass du ein h bsches Kleid bekommst; das andere ist doch alles Schwindel . Ich h tte mich ob deinem Schreck fast selbst gesch mt. Jetzt lache ich dar ber.

Das einzige Vern nftige bei dem Schwindel war, dass man uns erst mit zw lf Jahren zur Kommunion zulie . Ich war damals bereits eingenommen genug von Weltlustigkeit, dass ich das Religi se leichten Herzens hintansetzte; mir aus der Kommunion nicht viel machte. Dass manche Kinder jetzt schon mit sieben Jahren zur Kommunion gehen, versetzt uns in Wut. Wir tun alles, den Leuten weiszumachen, es fehle den Kindern an Verst ndnis daf r. Sie m ssen erst einige Tods nden begangen haben! Dann schadet ihnen der wei e Herrgott nicht mehr so, wie wenn Glaube, Hoffnung und Liebe Pfui dar ber! noch von der Taufe im Kindesherzen lebendig sind. Erinnerst du dich, dass ich diesen Standpunkt schon auf Erden vertreten?

Erinnerung an den Vater Ich erw hnte meinen Vater. Er lag mit der Mutter oft im Streit. Ich habe es dir nur selten anget nt; ich sch mte mich darob. L cherliches Ding, die Scham! Uns ist hier alles gleich. Sie schliefen auch nicht mehr im selben Zimmer, sondern ich bei der Mutter; Vater in der Kammer nebenan, wo er jederzeit nachts heimkommen konnte. Er trank viel und vertrank unser ganzes Verm gen. Die beiden Schwestern waren in Stellung und brauchten ihr Geld selber, sagten sie. Die Mutter begann zu verdienen.

Im letzten Lebensjahr hat Vater die Mutter oft geschlagen, wenn sie ihm nichts geben wollte. Gegen mich war er immer lieb. Eines Tages das habe ich dir erz hlt, und du hast dich damals ber meine Verw hntheit ge rgert; wor ber hast du dich an mir nicht ge rgert! eines Tages also trug er sogar zweimal gekaufte Schuhe wieder zur ck, sie umzutauschen, weil mir Form und Abs tze nicht modern genug waren.

In der Nacht, wo ein Schlaganfall meinen Vater zu Tode traf, geschah etwas, das ich aus Angst vor einer unliebsamen Auslegung dir nie anvertrauen mochte. Doch nun sollst du es wissen. Es ist schon darum denkw rdig, weil ich damals zum ersten Male von meinem jetzigen Qu lgeist angesprochen wurde.

Ich schlief in der Kammer bei meiner Mutter. Ihre regelm igen Atemz ge verrieten ihren tiefen Schlaf. Da h rte ich mich pl tzlich beim Namen rufen. Eine unbekannte Stimme spricht: Was ist, wenn der Vater stirbt! Ich liebte den Vater nicht mehr, seit er die Mutter so grob behandelte; wie ich berhaupt schon damals eigentlich niemand liebte, sondern nur an einigen hing, die gut zu mir waren. Liebe ohne Aussicht auf irdischen Gegengewinn lebt nur in den Seelen, die im Stand der Gnade sind. Das war ich nicht. So antwortete ich auf die geheimnisvolle Anrede, ohne mir Rechenschaft zu geben, woher sie kam: Er stirbt doch nicht!

Nach einer kurzen Pause wiederum dieselbe klar vernommene Frage. Er stirbt doch nicht! entfuhr es mir abermals unwirsch. Zum dritten Male wurde ich aufgefordert: Was ist, wenn der Vater stirbt? Mir schwebte vor Augen, wie Vater oft angetrunken heimkam, l rmte, die Mutter misshandelte, wie er uns vor den Leuten in eine missliche Lage gebracht. So schrie ich trotzig Dann ist es recht! Da wurde alles still.

Am folgenden Morgen, als Mutter in Vaters Zimmer aufr umen wollte, fand sie die T r verschlossen. Gegen Mittag brach man auf. Der Vater lag halb angekleidet auf dem Bett, als Leiche: Beim Bierholen im Keller muss er sich erk ltet haben. Er kr nkelte schon seit langem.

M dchenbund Martha K. und du bewogen mich, dem M dchenbund beizutreten. Ich habe zwar nie ein Hehl daraus gemacht, dass ich die Belehrungen der beiden Leiterinnen, der Damen X, reichlich pfarrerm ig fand. Die Spiele waren unterhaltsam. Ich behauptete dabei bald, wie du wei t, eine f hrende Rolle. Das behagte mir. Auch die Ausfl ge gefielen mir.

Ich lie mich selbst einige Male bewegen, zur Beichte und Kommunion zu gehen. Eigentlich hatte ich nichts zu berichten. Gedanken und Reden fielen bei mir nicht auf die Waagschale… Zu gr berer Taten war ich noch nicht weit genug. Du mahntest mich einmal: Anni, wenn du nicht betest, gehst du verloren! Ich betete freilich wenig. Und auch das nur ungern. Du hattest nun allerdings recht. Alle, die in der H lle brennen, haben nicht gebetet oder nicht genug gebetet. Das Gebet ist der erste Schritt zu Gott. Es bleibt der entscheidende. Besonders das Gebet zu derjenigen, die Christi Mutter war, deren Namen wir nicht nennen. Die Andacht zu ihr entrei t dem Teufel zahlreiche Seelen, die ihm die S nde unfehlbar in die H nde gespielt h tte.

Beten ist das Leichteste W tend fahre ich fort weil ich muss : Beten ist das Leichteste, was der Mensch tun kann auf Erden. Und gerade an dieses Leichteste hat Gott das Heil gekn pft. Wer beharrlich betet, dem gibt er allm hlich so viel Licht, st rkt ihn derma en, dass sich auch der versumpfteste S ndenbock schlie lich endg ltig erheben kann. Und steckte er bis zum Halse im Schlamme. Ich habe in den letzten Lebensjahren berhaupt nicht mehr recht gebetet und so mich der Gnaden beraubt, ohne die niemand selig wird.

Hier erhalten wir keine Gnade mehr. Doch selbst, wenn wir sie erhielten, hohnlachend wiesen wir sie zur ck. Alle Schwankungen des Erdendaseins haben im Jenseits aufgeh rt. Bei euch auf Erden kann der Mensch vom Stand der S nde in den Stand der Gnade rutschen. Von der Gnade in die S nde fallen. Oft aus Schw che; zuweilen aus Bosheit. Mit dem Tod hat dieses in der Unvollkommenheit des irdischen Menschen fu ende Auf- und Abtanzen ein Ende gefunden. Der Endzustand ist erreicht.

Schon mit den zunehmenden Jahren werden die Spr nge kleiner. Es ist wahr, bis zum Tode kann man sich Gott zuwenden oder ihm den R cken kehren. Doch fast zwangsl ufig entschlie t sich der Mensch mit den letzten, verzitternden Willensregungen vor dem Verscheiden so, wie er es im Leben gewohnt war. Gute oder b se Gewohnheit ward zur zweiten Natur. Diese reisst ihn fort.

So auch mich. Ich lebte seit Jahren von Gott abgekehrt. So entschied ich mich beim letzten Gnadenruf gegen Gott. Nicht, dass ich oft s ndigte, ward mir zum Verh ngnis, sondern dass ich nicht mehr aufstehen wollte. Du hast mich mehrmals zum Anh ren der Predigt und zum Lesen frommer B cher gemahnt. Ich f nde keine Zeit dazu, lautete regelm ig mein Bescheid. H tte ich meine innere Unsicherheit noch vermehren sollen?

Ich muss brigens feststellen: als es einmal so weit war, wie kurz vor meinem Austritt aus dem M dchenbund, da w re es mir ungeheuer schwer gefallen, einen anderen Weg einzuschlagen. Ich f hlte mich unsicher und ungl cklich. Doch vor der Umkehr starrte eine Mauer. Das musst du nicht erkannt haben. Du hast es dir so einfach vorgestellt, da du einmal sagtest: Leg doch eine gute Beicht ab, Anni, und alles ist wieder gut! Ich ahnte, dass es so w re. Aber Welt, Teufel und Fleisch hielten mich schon zu fest in den Klauen.

An den Einfluss des Teufels glaubte ich nie An den Einfluss des Teufels glaubte ich nie. Und jetzt bezeuge ich, dass er solche Menschen, wie ich damals einer war, gewaltig beeinflusst. Nur viele Gebete anderer und meiner selbst, verbunden mit Opfer und Leiden, h tten mich ihm entrei en k nnen.Und auch das nur allm hlich. Gibt es wenig u erlich Besessene, so wimmelt es von innerlich Besessenen. Der Teufel kann denen, die sich seinem Einfluss hingeben, den freien Willen nicht rauben. Doch zur Strafe f r ihren gleichsam grunds tzlichen Abfall von Gott l sst dieser es zu, dass der B se sich in ihnen einnistet.

Ich hasse auch den Teufel. Dennoch gef llt er mir, weil er euch zu verderben sucht; er und seine Helfershelfer, die mit ihm am Anfang der Zeit gefallenen Geister. Sie z hlen nach Millionen. Sie schweifen auf der Erde umher, dicht wie ein M ckenschwarm, und ihr ahnt es kaum. Wir, die verworfenen Menschen, haben euch nicht zu versuchen; das kommt den gefallenen Geistern zu. Es vermehrt zwar ihre Qual noch jedesmal, dass sie eine Menschenseele in die H lle herunterreissen. Aber was tut der Hass nicht!

Trotzdem ich gottferne Pfade beschritt, ging Gott mir nach. Ich ebnete der Gnade den Weg durch nat rliche Liebesdienste, die ich durch Neigung meines Naturells nicht selten verrichtete.

Zuweilen lockte mich Gott in eine Kirche. Da empfand ich es wie Heimweh. Als ich die kr nkelnde Mutter pflegte, trotz der Arbeit im B ro tags ber, und mich wirklich einigerma en aufopferte, wirkten diese Lockungen Gottes m chtig. Einmal, in der Spitalkirche, wohin du mich ber die Mittagszeit mitgenommen, berkam es mich so, dass es nur einen Schritt zu meiner Bekehrung gebraucht h tte. Ich weinte. Aber dann flutete die Weltfreude wieder ber die Gnade hinweg. Der Weizen erstickte in den Dornen.

Mit der Erkl rung, Religion sei Gef hlssache, wie es im Gesch ft immer hie , schob ich auch diese Gnadenerneuerung, gleich den brigen, unter den Tisch. Du hast mich einmal getadelt, weil ich, anstatt einer Kniebeugung bis zum Boden, nur einen formlosen Knicks machte, du hieltest dies f r Tr gheit, schienst nicht zu vermuten, dass ich bereits damals nicht mehr an die Gegenwart Christi im Sakrament glaubte. Jetzt glaube ich daran, aber rein nat rlich, so wie man an ein Ungewitter glaubt, wovon man die Folgen wahrnimmt.

Ich habe mir selbst eine Religion zurechtgelegt Inzwischen hatte ich mir selbst eine Religion zurechtgelegt. Ich hielt zur Ansicht, die bei uns im Gesch ft gang und g be war, die Seele erstehe nach dem Tode in einem anderen Wesen. So wandre sie endlos weiter (Reinkarnation). Damit war die bange Frage nach dem Jenseits zugleich untergebracht und mir unsch dlich gemacht.

Warum hast du mich nicht ans Gleichnis vom reichen Prasser und armen Lazarus erinnert, die der Erz hler, Christus, unverz glich nach dem Tode, den einen zur H lle, den andern zum Paradies fahren l sst? Aber was h ttest du erreicht. Nicht mehr als mit deinen anderen bigotten Reden (Luk 16,19).

Allm hlich bastelte ich mir selbst einen Gott zurecht; ausgestattet genug, um Gott zu hei en; mir fern genug, um keine Beziehungen zu ihm unterhalten zu m ssen; verschwommen genug, um sich nach Bed rfnis, ohne meine Religion zu wechseln, zum pantheistischen Weltgott ausdehnen oder zum deistischen Hagestolz verdichten zu lassen.

Dieser Gott hatte mir keinen Himmel zu schenken und keine H lle zu verabfolgen. Ich lie ihn in Ruhe. Darin bestand meine Anbetung an ihn. Was man liebt, das glaubt man gern! Im Lauf der Jahre hielt ich mich ziemlich von meiner Religion berzeugt. Es lie sich damit leben. Nur eines h tte ihr das Genick gebrochen: ein tiefes langes Leid. Und dieses Leid kam nicht! Verstehst du jetzt, was es hei t: Wen Gott liebt, den schl gt er?

Der Freundin den Buben ausgespannt Es war an einem Sommertag im Juli, als der M dchenbund einen Ausflug nach A. veranstaltete. Der Ausflug w re mir schon recht gewesen. Aber das bl de Gerede und fromme Getue! Ein anderes Bild als das der Gnadenmutter von A. stand seit kurzem auf dem Altar meines Herzens: der flotte Max N. vom Kaufhaus nebenan. Wir hatten kurz vorher mehrmals miteinander gesch kert. Eben f r jenen Sonntag hatte er mich zu einem Ausflug eingeladen. Die, mit der er gew hnlich ging, lag im Krankenhaus.

Er hatte wohl gemerkt, dass ich ein Auge auf ihn geworfen. Ihn zu heiraten dachte ich damals noch nicht. Er war zwar wohlhabend, aber mir zu freundlich gegen alle m glichen M dchen. Und ich wollte bis dahin immerhin noch einen Mann, der mir allein geh rte: nicht nur Frau, sondern einzige Frau sein. Ein gewisser nat rlicher Abstand blieb ja stets eigen.

Beim erw hnten Sonntagsausflug berbot sich Max in Liebensw rdigkeiten. Keine pf ffischen Gespr che wurden gef hrt wie bei euch. Andern Tags, im B ro, hast du mir Vorw rfe gemacht, weshalb ich nicht mit euch nach A. gegangen. Ich schilderte dir mein Sonntagsvergn gen. Deine erste Frage lautete: Warst du in der Messe? N rrin, wie konnte ich, da die Abfahrt schon auf 6 Uhr verinbart war!

Wei t du noch, wie ich gereizt hinzuf gte: Der liebe Gott denkt nicht so kleinlich wie eure Pfaffen! Jetzt muss ich bekennen: Gott nimmt es bei all seiner endlosen G te genauer als sie alle.

Nach jenem ersten Ausflug mit Max kam ich noch einmal in den Bund. An Weihnachten f r die Feier. Es zog mich manches zur ck. Aber innerlich war ich euch schon entfremdet. Kino, Tanz, Ausfl ge, eins folgte aufs andere. Max und ich zerstritten uns zwar einige Male. Doch ich wusste ihn immer wieder an mich zu fesseln.

u erst l stig fiel mir die Nebenbuhlerin, die, aus dem Spital zur ckgekehrt, sich wie rasend geb rdete. Eigentlich zu meinem Gl ck, denn meine vornehme Ruhe machte m chtigen Eindruck auf Max und gab schlie lich den Ausschlag, mich vorzuziehen. Ich hatte es verstanden, sie bei ihm schlecht zu machen, k hl redend; u erlich sachlich, innerlich Gift speiend. Solche Gef hle und solches Tun bereiten trefflich auf die H lle vor. Sie sind teuflisch im besten Sinn des Wortes.

Warum erz hle ich das? Um zu berichten, wie ich von Gott endg ltig loskam. Nicht dass es brigens sehr oft zu letzten Vertraulichkeiten zwischen mir und Max gekommen w re. Ich begriff, dass ich mich in seinen Augen herabsetzte, wenn ich mich vor der Zeit austrinken lie e. Deshalb hielt ich zur ck.

Aber an sich war ich, sooft ich es f r n tzlich erachtete, jederzeit zu allem bereit. Ich musste Max erobern. Dazu war nichts zu teuer. Zudem liebten wir uns allm hlich, da wir beide manch wertvolle Eigenschaften besa en, die wir aneinander achten konnten. Ich war gewandt, t chtig, gute Gesellschafterin. So bekam ich Max fest in die Hand. dass ich ihn wenigstens in den letzten Monaten vor der Heirat, allein besa .

Darin bestand mein Abfall von Gott, ein Gesch pf zu meinem Abgott zu erheben. Nirgends kann das so allumfassend geschehen wie bei der Liebe zu einem Menschen des anderen Geschlechts, falls diese Liebe im Irdischen stecken bleibt. Das macht ihren Reiz aus, ihren Stachel und ihr Gift.

Die Anbetung die ich Max zollte, wurde mir zur gelebten Religion. Es war die Zeit, wo ich im B ro giftig ber Kirchenspringen, Geistliche, Abl sse, Rosenkranzgeplapper und hnlichen Krimskram herfiel. Du hast dich mehr oder weniger geistreich bem ht, diese Dinge in Schutz zu nehmen, scheinbar nicht ahnend, dass es sich bei mir zutiefst gar nicht um diese Dinge drehte, dass ich vielmehr einen St tzpunkt gegen mein Gewissen suchte ich brauchte ihn damals noch , um meinen Abfall auch verstandesm ig zu rechtfertigen.

Im Grunde revoltierte ich gegen Gott. Das sahst du nicht ein. Du hieltest mich immer noch f r katholisch. Ich wollte auch so hei en; zahlte sogar die Kirchensteuer. Eine gewisse R ckenversicherung konnte ja nicht schaden, dachte ich. Deine Antworten mochten zuweilen treffend sein. An mir glitten sie ab, weil du nicht recht haben durftest!

Angesichts dieser zerschnittenen Beziehungen war unser Trennungsschmerz gering, als wir durch meine Verheiratung auseinanderkamen.

Endg ltiger Weggang von Gott Vor der Trauung beichtete ich noch einmal und kommunizierte. Es war eben vorgeschrieben. Ich und mein Mann dachten hierin gleich. Warum sollten wir diese F rmlichkeit nicht erledigen? Wir erledigten sie wie eine andere F rmlichkeit. Ihr nennt das unw rdig. Nach jener unw rdigen Kommunion . Kommunion hatte ich mehr Ruhe im Gewissen. Es war brigens die letzte.

Unser Eheleben verlief im allgemeinen recht harmonisch. Wir waren in allen Punkten so ziemlich derselben Meinung. Auch darin, dass wir uns die Last von Kindern nicht aufb rden wollten. Im Grunde h tte zwar mein Mann gerne eines gehabt nat rlich nicht mehr. Ich wusste ihn schlie lich auch davon abzubringen. Kleider, feine M bel, Teestuben, Autofahrten und hnliche Zerstreuungen lagen mir n her. Es war ein vergn gtes Erdenjahr zwischen der Trauung und meinem j hen Tode.

Jeden Sonntag fuhren wir aus oder machten Besuche bei Verwandten des Mannes. (Meiner Mutter sch mte ich mich jetzt). Diese schwammen genau so an der Oberfl che des Daseins wie wir.

Innerlich f hlte ich mich freilich nie gl cklich, mochte ich u erlich noch so lachen. Es nagte immer ein unbestimmtes Etwas an mir. Ich h tte gewollt, dass nach dem Tode, der selbstredend noch lange ausbleiben sollte, alles aus w re.

Aber so ist es, wie ich einmal als Kind in einer Predigt sagen h rte, dass Gott alles Gute, das ein Mensch vollbringt, belohnt. Wenn er es im Jenseits nicht vergelten kann, tut er es auf Erden.

Ich machte unerwartet eine Erbschaft (von Tante Lotte). Meinem Mann gl ckte es, sein Gehalt bedeutend zu vermehren. Ich konnte unsere neue Wohnung reizend einrichten. Das Religi se d mmerte nur noch ferne. Die Kaffeeh user in der Stadt, die Hotels, wo wir auf Reisen einkehrten, brachten uns Gott nicht nahe. Alle, die dort verkehrten, lebten wie wir, von au en nach innen, nicht von innen nach au en.

Besuchten wir auf Ferienreisen einen ber hmten Dom, suchten wir uns am blo en Kunstgehalt der Meisterwerke zu laben. Den religi sen Hauch, den sie, besonders die mittelalterlichen, ausstrahlten, verstand ich dadurch zu neutralisieren, dass ich mich ber irgend einen Nebenumstand der Besichtigung zu rgern verstand. Einen unsauber gekleideten oder unbeholfenen Klosterbruder, der uns f hrte: den Skandal , dass fromm sein wollende M nche Lik r verkaufen; das ewige Gebimmel zum Gottesdienst, wo es doch nur ums Geldmachen gehe.

H lle? So wusste ich die Gnade, sooft sie anklopfte, immer wieder abzuweisen. Besonders lie ich meinem Unmut freien Lauf bei gewissen altert mlichen H llendarstellungen, auf Friedh fen oder anderswo, wo der Teufel die Seelen in Rot- und Wei glut r stet, und seine Genossen mit langen Schw nzen ihm neue Opfer herbeischleppen.

Klara, die H lle kann verzeichnet, sie kann nicht bertrieben werden! Das H llenfeuer habe ich stets besonders aufs Korn genommen. Du wei t, wie ich dir bei einem Gespr ch dar ber einst ein Streichholz unter die Nase hielt und h hnte: Riecht es so? Du bliesest die Flamme rasch aus. Hier l scht sie niemand. Ich sage dir: Feuer, wovon die Bibel spricht, hei t nicht Gewissensqual. Feuer hei t Feuer . Es ist w rtlich zu verstehen, was jener gesagt hat: Weichet von mir, ihr Verfluchten, ins ewige Feuer! W rtlich!

Wie kann der Geist vom stofflichen Feuer ber hrt werden, fragst du. Wie kann auf Erden deine Seele leiden, wenn du den Finger in die Flamme h ltst? Es brennt ja auch nicht die Seele; doch welche Qual versp rt der ganze Mensch! hnlich sind wir hier seelisch ans Feuer gebunden, unserem Wesen nach und unseren F higkeiten nach. Unsere Seele entbehrt ihres nat rlichen Fl gelschlages: wir k nnen nicht denken, was wir wollen und nicht wie wir wollen.

Schau nicht bl d auf diese Zeilen; denn dieser Zustand, der euch nichts sagt, versengt mich, ohne mich zu verzehren. Unsere gr te Qual besteht darin, genau zu wissen, dass wir Gott nie schauen werden. Wie das peinigen kann, da es einem auf Erden so gleichg ltig? Solange das Messer auf dem Tisch liegt, l sst es einen kalt. Man sieht seine Sch rfe; f hlte sie nicht. Doch f hre das Messer ins Fleisch und du schreist auf vor Schmerz. Jetzt f hlen wir Gottes Verlust; vorher sahen wir ihn nur.

Nicht alle Seelen leiden gleicherma en. Je boshafter und grunds tzlicher jemand ges ndigt, um so schwerer wuchtet auf ihm Gottes Verlust, w rgt ihn die missbrauchte Kreatur. Die verdammten Katholiken leiden mehr als Andersgl ubige, weil sie meist mehr Licht und Gnade empfingen und zertraten. Wer mehr gewusst hat, leidet h rter, als wer weniger erkannte. Wer aus Bosheit ges ndigt, leidet sch rfer, als wer aus Schw che fiel. Aber keiner leidet mehr, als er es verdient hat. Oh, dass dies nicht wahr w re, so dass ich einen Grund zum Hassen h tte!

Du hast mir einmal gesagt, niemand komme in die H lle, ohne es zu wissen. Einer Heiligen sei dies geoffenbart worden. Ich lachte dar ber, verschanzte mich aber dann doch wieder hinter diese Erkl rung. So wird n tigenfalls Zeit genug zu einer Schwenkung bleiben, sagte ich mir im stillen.

Der Ausspruch stimmt. Ich kannte vor meinem j hen Ende die H lle zwar nicht so, wie sie ist. Kein Irdischer kennt sie. Aber ich war mir genau bewusst: Wenn du stirbst, gehst du gegen Gott ins Jenseits hin ber. Du wirst die Folgen tragen. Ich machte nicht kehrt, wie schon gesagt, fortgesp lt von der Gewohnheit. Aus jener Gleichm igkeit heraus, mit der die Menschen je lter, je mehr handeln.

Mein Tod Mein Tod trat so ein. Vor einer Woche wars ich spreche nach eurer Z hlung, denn am Schmerz gemessen, k nnte ich ebensogut schon 10 Jahre in der H lle brennen vor einer Woche also machten mein Mann und ich an einem Sonntag den f r mich letzten Ausflug. Strahlend war der Tag angebrochen. Ich f hlte mich wohl wie selten. Ein unheimliches Gl cksgef hl durchrieselte mich. Da pl tzlich, bei der Heimfahrt, wurde mein Mann von einem heranbrausenden Auto geblendet. Er verlor die F hrung.

Jessses (= Jesus!) durchzuckte es mich. Nicht als Gebet, nur als Schrei. Ein zerquetschter Schmerz presste mich zusammen. Verglichen mit den jetzigen, eine Bagatelle. Dann schwanden mir die Sinne.

Seltsam, an jenem Morgen war in mir unerkl rlicherweise der Gedanke aufgestiegen: Du k nntest wieder einmal in die Messe. Es klang wie ein Flehen. Klar und bestimmt schnitt mein Nein den Gedankenfaden ab. Damit muss endlich Schluss gemacht werden. Ich bernehme alle Folgen . Jetzt trage ich sie.

Was nach meinem Tode geschah, wirst du wissen. Das Schicksal meines Mannes, das meiner Mutter, was mit meiner Leiche vorging und der Hergang meines Begr bnisses sind mir in den Einzelheiten durch nat rliche Erkenntnis, die wir hier haben, bekannt.

Was sonst auf Erden vorgeht, wissen wir nur verschwommen. Was uns aber irgendwie nahelag, kennen wir. So sehe ich auch deinen Aufenthalt.

Ich selber erwachte im Augenblick meines Hinscheidens j h aus dem Dunkel. Sah mich wie von grellem Licht umflutet. Es war am gleichen Ort, wo meine Leiche lag. Es geschah wie im Schauspielhaus, wenn mit einmal die Lampen im Saale verl schen; der Vorhang auseinanderrauscht; schaurig beleuchtet eine ungeahnte Szenerie sich auftut. Die Szenerie meines Lebens. Wie in einem Spiegel zeigte meine Seele sich mir selbst. Die zertretenen Gnaden von Jungend auf, bis zum letzten Nein Gott gegen ber.

Mir ward zumute wie einem M rder, dem w hrend der Gerichtsverhandlung sein entseeltes Opfer vorgef hrt wird. Bereuen? Mich sch men?! Nie!

Aber auch auszuhalten vermochte ich es nicht unter den Augen des von mir verworfenen Gottes. So blieb nur eines, die Flucht. Wie Kain floh vor Abels Leiche, so riss es meine Seele vor diesem Anblick des Grauens hinweg. Das war das besondere Gericht! Der unsichtbare Richter sprach: Weiche!

Da fuhr meine Seele wie ein schwefelgelber Schatten hinab an den Ort ewiger Qual.

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Nach dem Ende des Briefes … So endete Annis Brief. Die letzten Worte waren fast unleserlich. Da, was war das? In den scharfen Akzent der Zeilen, die ich zu lesen geglaubt, klang mild ein Glockenton.

Ich fuhr auf. Ich lag noch in meinem Zimmer. Das Fr hrot blickte durchs Fenster. Von der Pfarrkirche klang das Avel uten her ber.

Also war alles nur ein Traum gewesen? Nie f hlte ich je den Trost des Engelgru es , wie nach diesem Traum. Langsam betete ich die drei Gegr et . Da wurde es mir ganz klar: An ihr musst du festhalten, an der gebenedeiten Mutter des Herrn, Maria kindlich verehren, willst du nicht das Los erleiden, das dir wenn auch nur im Traume eine Seele geschildert, die Gott nie schauen wird.

Noch zitternd von der schrecklichen Nacht stand ich auf, kleidete mich hastig an, eilte stiegenab in die Hauskapelle. Das Herz pochte mir bis zur Kehle hinauf. Die mir zun chst knieenden wenigen G ste sahen mich wohl an. Aber sie mochten sich denken, weil ich ber die Stiege gelaufen, scheine ich so erhitzt .

Eine g tige ltere Dame aus Budapest, leidgepr ft, gebrechlich wie ein Kind, kurzsichtig, doch eifrig im Gottdienen und weitsichtig in geistlichen Dingen, meinte am Nachmittag im Garten l chelnd zu mir: Fr ulein, der Heiland will nicht im Schnellzug bedient sein . Aber dann gewahrte sie gleich, dass etwas anderes mich bewegt hatte und noch bewegte. Beg tigend f gte sie bei: Nichts soll dich ngstigen Sie kennen das Spr chlein der heiligen Theresia? Nichts dich erschrecken, Alles vergeht Gott bleibt derselbe Geduld erreicht alles Wer Gott besitzt dem kann nichts fehlen Gott allein gen gt!

W hrend sie das leis und so gar nicht lehrhaft fl sterte, war mir, als lese sie in meiner Seele. Gott allein gen gt! Ja, er soll mir gen gen, hienieden und dr ben. Ich will ihn dort einst besitzen, mag es hier noch so viele Opfer kosten. Ich will die Pr fungen des Erdenlebens bestehen und an der Liebe zu Gott festhalten, damit ich, Ihn immer besitze, der allein Friede, Freude und Gl ck ist, w hrend alle Erdenfreuden vergehen.

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